Agile

War René Déscartes ein agiler Vordenker? – Eine skeptische Betrachtung agiler Philosophie

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einem anderen Passagier im Nachtzug von Wien nach Dresden. Da ich gerade von einer Veranstaltung heimfuhr, bei der es um agiles Testen ging, kamen wir auf agile Methoden und agiles Testen zu sprechen. Er, ein Projektmanager in der Halbleiterindustrie, behauptete, dass agiles Projektmanagement nichts Neues sei und ein Philosoph aus dem 17. Jahrhundert schon die Grundlagen dafür beschrieben haben soll. Er konnte allerdings nicht sagen, welcher Philosoph und welches Werk damit gemeint ist. Diese Aussage hat mich inspiriert. Ich wollte mehr erfahren und so begann ich zu recherchieren.

old books on a shelf

Die Mutter moderner Methoden

Bei meiner Suche stieß ich auf René Descartes und seinem Werk „Discours de la méthode“. Zuerst war mein Ziel, einen Blogbeitrag über Descartes als agilen Vordenker zu schreiben, aber bei meiner Recherche kamen Zweifel auf. Nun muss ich diese Aussage widerlegen und sie – ganz im Sinne Déscartes – skeptisch betrachten. Mein Begleiter bezog sich auf Déscartes Regeln zur Lösung von wissenschaftlichen Problemen. Diese vier Regeln lauten:

  1. Nichts ist als wahr zu akzeptieren, dessen Wahrheit zu bezweifeln ist.
  2. Teile die zu untersuchende Frage in kleinere, einfach zu beantwortende Teilfragen ein.
  3. Beantworte die Teilfragen der Reihe nach, von der einfachsten zur schwersten.
  4. Überprüfe diese Ordnung darauf, ein vollständiges Bild zu liefern.

Nun beschreibt diese Methode Déscartes‘ keinen agilen Ansatz. Die Problemlösung in Inkrementen ist zwar Teil von agilen Methoden, sie ist aber kein entscheidendes Kriterium für agile Entwicklung. Denn inkrementelle Entwicklung ist auch Teil des Wasserfallmodells. Die Methoden unterscheiden sich dabei vor allen in ihrer Reihenfolge.

Im dritten Punkt gibt Déscartes vor, in welcher Reihenfolge die Fragen zu beantworten seien. Auch in diesem Punkt finde ich keine Agilität, es lässt sich nicht auf die kollaborative Arbeitsweise in agilen Umgebungen anwenden. In Agilen Projekten wird die Reihenfolge der Aufgaben letztlich durch das Team bestimmt, während es im Wasserfallmodell einen Projektmanager gibt, der den Projektablauf nicht nach der Schwierigkeit der Aufgaben beantwortet.

Interessant ist, dass Déscartes der Überprüfung des Ergebnisses, dem Test, einen so großen Stellenwert einräumt, dass er ihm einen eigenen Punkt in seiner Methodenbeschreibung widmet. Der erste und vierte Punkt bilden den Rahmen der Methode, denn wenn etwas bezweifelt wird, muss man es später prüfen. Ist Déscartes Methode vielleicht testgetrieben, quasi eine „Test Driven Philosophy“?

 

Starre Regeln

Ihn anhand seiner Beschreibung zur Methode als agilen Vordenker zu identifizieren geht in meinen Augen zu weit. Aber vielleicht findet sich in seinem weiteren Werk eine konkrete Aussage. Erinnern wir uns deshalb zuerst an die agilen Prinzipien. Eines dieser Prinzipien lautet wie folgt:

 

Heiße Anforderungsänderungen selbst spät in der Entwicklung willkommen. Agile Prozesse nutzen Veränderungen zum Wettbewerbsvorteil des Kunden.

Wie geht also Déscartes mit Veränderungen um? In seiner Methode betont er mehrfach, wie wichtig es sei, von dem geraden Weg nicht abzuweichen. Einen eingeschlagenen Weg solle man nicht ändern. Er formulierte das sogar in einer seiner Regeln.

 

Meine zweite Regel war, in meinen Handlungen so fest und entschlossen als möglich zu sein und selbst die zweifelhafteste Meinung, nachdem ich mich einmal ihr zugewendet, ebenso festzuhalten, als wenn sie die sicherste von allen gewesen wäre.

 

Schlussfolgerung

Ich könnte diese kleine Untersuchung mit diesem Satz abschließen: Ich bezweifle also, dass ein Déscartes Mitglied in einem agilen Team sein könnte. Aber so endet mein Beitrag nicht. Descartes gilt nämlich als Philosoph mit einer Maske. Was heißt das? Das heißt, dass sich die Menschen über die Interpretation seines Werks uneinig sind. So gilt er zum Beispiel für die einen als „christlicher Philosoph, der für die Ehre und den Ruhm Gottes und seiner Kirche streitet“, die anderen sehen in seiner Philosophie einen Aufstand gegen das Christentum. Seine Bücher wurden auf den Index der verbotenen Bücher der katholischen Kirche gesetzt.

Descartes ist demzufolge für die einen Agilist und für die anderen das komplette Gegenteil. Da es zu seinen Lebzeiten noch keine agilen Methoden gab und er sich dementsprechend nie explizit dazu geäußert hat, ist es eine Frage der Interpretation. Meinem Zugbegleiter kann ich nur für das inspirative Gespräch danken. Der Gedanke kann sogar weiter gefasst werden. Es wäre interessant zu erfahren, wo sich moderne Methoden bei anderen Philosophen finden lassen. Ich werde die Augen offenhalten.

 

Passende Artikel

Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*