Karriere / Projektmanagement

Spezies Projektleiter

Superhelden oder Sündenböcke? Oft lässt sich in der Praxis hier keine klare Grenze ziehen. Projektleiter sind gefordert in verschiedenen Situationen professionell zu reagieren und zu agieren. Zahlreiche Eigenschaften sind gefragt – vom Grundvertrauen über strukturiertes Denken bis hin zu Nervenstärke und sozialen Kompetenzen. Ich habe meine Thesen dazu aufgestellt.

Spezies Projektleiter

In Unternehmen haben Projektleiter neben ihren eigentlichen Aufgaben noch eine Reihe wichtiger Funktionen. Sie sollen Wunder wirken und Unmögliches erreichen. Definierte Kosten und Termine einhalten, obwohl die Herausforderung nicht von einem Einzelnen, sondern nur von allen Beteiligten zusammen zu bewältigen ist. Alle auftauchenden Schwierigkeiten, die bei einer einmaligen Aufgabenstellung auftreten, müssen sie kurieren, am besten ohne Zeit- und Geldverlust.

Gelingt dies nicht, ist das Urteil einstimmig. Der Projektleiter ist schuld. Er oder sie hat es nicht geschafft und das Projekt nicht im Griff gehabt. Die Reputation ist zerstört und weitere persönliche Entwicklungsmöglichkeiten vorerst mal begrenzt. Auch bei angeblich einfachen Aufgabenstellungen, wie der Umsetzung der nächsten Release inklusive Anbindung von ein, zwei Systemen, genügt in manchen Unternehmen schon ein Zeitverzug von ein paar Tagen oder eine Kostenüberschreitung von zwei Prozent, um als Versager da zu stehen. Manchmal könnte man den Eindruck haben, diese jederzeit potentielle Sündenbockrolle mache einen wesentlichen Teil der Projektleiterfunktion aus und man Projektleiter genau dafür brauche.

Was mich zu meiner Frage führt, für die ich versuche ein paar Teilantworten zu finden. Ganz umgangssprachlich formuliert: Warum tut sich das jemand an? Warum riskiert jemand, Teil eines Farkas-Waldbrunn-Sketchs zu werden, bei dem es immer einen Blöden gibt und jeder von Anfang an weiß, wer es ist?  

Projektmanager sind weit davon entfernt, wie übermächtige Comic-Helden mit Superman-Qualitäten zu agieren. Man trifft schon ab und zu auf den einen oder anderen Über-Drüber-Organisator, der auch in der Freizeit mindestens drei Vereine nebenbei schupft. Aber das ist das Extrem, das zu einer Normalverteilung statistisch gesehen dazu gehört. Nicht jedem sieht man die berufliche Rolle auf den ersten Blick an.

 

Welche persönlichen Eigenschaften führen dazu, dass jemand den Beruf eines Projektleiters ausübt?

Das sind meine Thesen dazu:

 

Grundvertrauen

Bei ihm oder ihr muss ein gewisses Grundvertrauen vorhanden sein. In eigene Qualitäten, Fähigkeiten, Kompetenzen – trotz aller Fehler und Schwächen. In das ganze Paket, das eine Persönlichkeit ausmacht. Vertrauen darauf, aus sich selbst heraus imstande zu sein, etwas zu bewältigen. Wenn es darauf ankommt, in irgendeiner Form Kraft auf den Punkt bringen zu können. Auch das Vertrauen, aus einer schwierigen Situation wieder heraus zu kommen. Eine Lösung zu finden. Dass es meistens einen Plan B gibt, selbst wenn man ihn noch nicht kennt.

Verantwortungsgefühl

Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Für eine Aufgabe, für die Erreichung eines Ziels,  in gewissem Rahmen für die Menschen im eigenen Team. Dafür zu sorgen, dass etwas erreicht wird. Auch wenn man dafür in der Auslage steht. Möglicherweise, weil man der- oder diejenige ist, die von den im Team oder der Abteilung vorhandenen Personen am ehesten in Frage kommt. Selbst wenn man nicht alle gewünschten Kriterien ideal erfüllt. Weil man weiß, dass man es kann oder zumindest besser als andere und es daher schwer fällt, nein zu sagen.

Interesse

Das Aufgabengebiet muss irgendwie interessant sein. Vielleicht sogar spannend oder reizvoll. Man mag es, seinen eigenen Horizont zu erweitern und dazu zu lernen. Etwas auf den Boden zu bringen, Lösungen zu erarbeiten. Man geht gerne Routinetätigkeiten aus dem Weg, bei denen man das Gefühl hat, unter seinen Fähigkeiten eingesetzt zu sein. Man mag Abwechslung. Auch um den Preis, ab und zu besonders gefordert zu sein. Man ist neugierig, möchte etwas ausprobieren. Die eine oder andere persönliche Komponente wird sozusagen ins Schwingen gebracht.

Innere Unabhängigkeit

Er oder sie arbeitet gerne selbständig. Unser Kandidat mag es, den Arbeitstag nach seinen Vorstellungen zu gestalten und benötigt keinen Vorgesetzten, der ihm sagt, was zu tun ist. Er bringt etwas kritische Distanz mit, Individualismus, eine eigene Meinung oder Sichtweise. Was ihm hilft, Fakten oder Ereignisse zu bewerten und daraus Schlüsse zu ziehen, Handlungsschritte abzuleiten, Widerständen zu entgegnen. Die Eigenschaft, etwas durchzuziehen, von dem er oder sie überzeugt ist, selbst um den Preis, damit nicht die goldene Kamera zu gewinnen.

Strukturiertes Denken

Unser Projektmanager in spe kann rasch Wege erkennen, die zu Lösungen führen. Große Ziele in kleinere Einheiten unterteilen, in machbare Einzelschritte, die sich zu einem Ganzen fügen und aufeinander aufbauen. Dabei gleichzeitig Risiko minimieren, weil sich das bei einem vernünftigen Vorgehen fast von selbst reguliert. Für ihn oder sie ist das Notwendige, das wie in welcher Reihenfolge getan werden muss, nach kurzer Zeit klar und selbstverständlich. Es muss gar nicht so sehr die Herausforderung sein, es nun so umzusetzen, es kann aber durchaus auch ein Motiv dafür sein, eine Projektleiterrolle anzunehmen.

Diese Eigenschaft ist natürlich auch eine Kompetenz – wie einige andere der hier angeführten Eigenschaften. Ich glaube, sie ist deswegen eine wichtige Triebfeder, weil sie dazu beiträgt, sich am Anfang die Aufgabe eine Projektleiters überhaupt zuzutrauen oder sie einmal ausprobieren zu wollen.

Pragmatismus

Theorie gut und schön, aber für unseren Kandidaten zählt im Zweifelsfall die Praxis. Sich für das Notwendige zu entscheiden, bedeutet manchmal auch, gegen Vorschriften zu verstoßen, Abkürzungen zu wählen, die im Labor nicht erlaubt sind. Im Fall der Fälle wird dem Erfolg, der Zielerreichung, der Vermeidung sonstiger missliebiger Konsequenzen, Vorrang gegeben. Aus einer Orientierung am Ziel heraus, aus dem Wunsch, etwas auf den Boden zu bringen. Man kann es Lösungsorientierung nennen oder gesunder Menschenverstand. Die Projektleiterrolle kann unter anderem deswegen attraktiv sein, weil man in ihr diese Disposition entfalten kann.

Nervenstärke

Nennen wir es Gemütsruhe oder stabile Persönlichkeit. Plötzliche Ereignisse werfen unsere potentiellen Projektleiter nicht gleich aus der Bahn. Was für andere schon eine Krise ist, wird als lästige, ärgerliche, aber bis zu einem gewissen Grad als bewältigbare Schwierigkeit eingeordnet, die mit konkreten Maßnahmen in Griff bekommen werden kann. Ein bisschen über den Dingen stehen zu können, selbst wenn es gerade etwas ungemütlich ist. Prinzipiell gute Nerven tragen wesentlich mit dazu bei, sich auf Projektmanagement einzulassen. Sonst kommt man wahrscheinlich gar nicht auf die Idee.

Gerne mit Menschen arbeiten

Im Stelleninserat steht dann kommunikationsstark und Freude an der Arbeit mit Menschen. Wir wollen es nicht gleich übertreiben. Aber die Eigenschaft, aus der Arbeit mit anderen Energie zu beziehen, die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen, mit anderen auszutauschen, Grundbedürfnisse dieser Art werden durch die Arbeit in Projekten natürlich bestens abgedeckt. Eine zumindest punktuelle Extrovertiertheit, ein mehr oder weniges offenes Wesen – und wir haben einen Baustein mehr, warum sich jemand für Projektleitung interessiert.

Ehrgeiz

Seien wir ehrlich. Ab und zu im Mittelpunkt zu stehen, macht unseren potentiellen Kandidaten schon Spaß. Das Büro als Bühne, auf der man den einen oder anderen großen Auftritt haben kann. Die Möglichkeit, Lorbeeren zu sammeln, Verdienste, Anerkennung. Für fünfzehn Minuten Held sein zu können. Aussicht auf Erfolg nach außen oder persönliche Erfolgserlebnisse. Natürlich sind diese Motive auch ein wesentlicher Grund dafür, sich für eine Projektleitung zu entscheiden.

Risikofreude

Das Leben ist ein Spiel? Nun, das wäre übertrieben und wahrscheinlich schädlich. Aber die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, dessen Ausgang man nicht kennt und trotzdem bei der Fahrt nicht nur mitzumachen, sondern eine wichtige Rolle dabei zu übernehmen – diese Bereitschaft muss man mal haben. Persönlich zu investieren, mit eigenen Aktien, das mag nicht jeder. Auch diese Eigenschaft unterscheidet wahrscheinlich jemanden von all denen, für die Projektleitung niemals in Frage kommt.

 

Abschließend …

Ich habe versucht, jene Eigenschaften zu beschreiben, die ich im Berufsalltag mit Projektleitern erlebe und von denen ich glaube, dass sie mitausschlaggebend dafür sind, sich für die Ausübung des Berufs zu entscheiden. Mit Absicht habe ich nicht all jene persönlichen Kompetenzen beschrieben, die für eine erfolgreiche Projektleitertätigkeit relevant sind, wie z. B. Durchsetzungsstärke oder vieles andere mehr. Das wäre einen eigenen Artikel wert.

Meine Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Was ist Ihre Meinung? Welche persönlichen Eigenschaften führen dazu, dass jemand Projektleiter werden möchte?

 

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