IT-Trainings / Software-Test

Softwaretester mit Asperger Syndrom

Der Beginn meiner Zusammenarbeit mit Personen die einen Autismus-Hintergrund haben liegt mittlerweile schon ein paar Wochen zurück und ich blicke voller Freude und auch Dankbarkeit auf diese Zeit zurück! Diese einzigartige Erfahrung bekam ich durch die neue Kooperation von ANECON und Specialisterne Österreich.

ANECON Training_Specialisterne 1

Das Training

Anfang März dieses Jahres begannen ein paar Trainer von ANECON einen besonderen ISTQB-Foundation Level Kurs. Die Teilnehmer waren diesmal ausschließlich Personen mit diagnostiziertem Asperger-Syndrom[1]. Ziel unseres Trainings in Kooperation mit dem Verein „Specialisterne“ war , die Teilnehmer fit für den Softwaretest zu machen. Dies geschah in zwei Schritten – zuallererst war eine Zertifizierung als ISTQB-FL Tester angestrebt, danach eine ausgiebige Einführung in das „Leben als Tester“, also die Vermittlung erster praktischer Erfahrungen!

Ich selbst bin seit vielen Jahren Trainer im ISTQB-Umfeld. Der Kurs an sich ist mir bis ins kleinste Detail vertraut und ich behaupte gerne, von keiner Frage eines Teilnehmers mehr überrascht zu werden. Doch wie würde der Kurs diesmal werden? Diese Situation war neu für mich – die Teilnehmer waren neu für mich!

Meine Kenntnisse über Autismus waren keine Kenntnisse sondern Vorstellungen, geprägt durch den Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffman und Tom Cruise. De facto wusste ich nichts über Autismus, schon gar nicht über das Asperger-Syndrom. Eines wusste ich jedoch von Anfang an: Ich will den Teilnehmern das Zertifikat ermöglichen, und … ich will dabei nichts falsch machen!

Wie sich ihnen nähern? Wie mit ihnen reden? Wie werden die Kurstage werden? Dies waren ein paar Fragen, die mir durch den Kopf gingen. Mittlerweile weiß ich, dass meine Befürchtungen unnötig waren. Wie redet man mit ihnen? Ganz normal! Wie nähert man sich ihnen? So wie jedem anderen auch! Wie waren die Kurstage? Vielfach lustiger und spannender als bei „normalen“ Kursen!

Was mich an der Arbeit mit meinen 10 Teilnehmern faszinierte, war das Unverfälschte und Ehrliche. Hatte man sie als Trainer gepackt, dann spürte man es – wenn nicht, spürte man das auch. Wollte man als Trainer eine ehrliche Antwort auf die Frage „wie geht’s Dir mit dem Kurs?“, dann bekam man sie auch – ganz ohne Herumtaktieren, ohne Hintergedanken. Im Kurs saßen Leute, die mich von einem Moment auf den anderen verblüffen konnten … still … dann packte man sie irgendwie … und es kam Leidenschaft und Freude auf, wenn sie Fragen beantworteten. Es waren ausnahmslos alle Teilnehmer technisch interessiert. Teilweise hatten Sie Erfahrung in der Software-Entwicklung, andere waren fit in mathematischen Themen. Es gab ein breites Spektrum an Interessen und Fähigkeiten… es war ein guter Kurs!

Leider schafften nicht alle Teilnehmer die Zertifizierungs-Prüfung, aber 7 von 10 Personen hielten schlussendlich das Zertifikat in ihren Händen. Die anonymisierte Auswertung zeigte auf, dass die Prüfungs-Ergebnisse durchaus auch bemerkenswert waren, denn ein Teilnehmer schaffte knapp 93% richtig beantwortete Fragen … das kommt nicht sehr häufig vor! Ich freue mich für jeden einzelnen von ihnen und habe den drei anderen nahegelegt, die Prüfung nochmals zu versuchen.

 

Der Praxisteil

In den drei Wochen nach dem ISTQB-Kurs haben wir Trainer das tägliche Tester-Leben anhand von Übungen simuliert. Es galt, unseren Teilnehmern zu vermitteln, was in diesem beruflichen Umfeld auf sie zukommen wird. Im ersten Schritt bekamen sie von uns ein speziell aufbereitetes Anforderungsdokument, das es „zu reviewen“ galt (mir ist das bemerkenswert schlechte Deutsch dieser Formulierung durchaus bewusst, aber ein „Review“ als statische Testmethode war Lehrplaninhalt und im Deutschen ergeben sich dann solche Sprach-Konstrukte!). Am Beispiel dieser statischen Prüf-Technik möchte ich kurz auf die für mich speziellen Fähigkeiten unserer Teilnehmer eingehen: Das Anforderungsdokument enthielt vorsätzlich eingebaute Schwächen. Teilweise waren Dinge nicht schlüssig formuliert, andere Sachverhalte waren nicht vollständig spezifiziert, manche Informationen fehlten völlig. Diese Dinge waren mir bekannt. Das Ziel der Übung war, diese Lücken zu finden – dieses Ziel wurde übererfüllt. Voll konzentriert wurde analysiert und bis ins Detail gegraben; so wurde von unseren neuen Testern jede kleinste Kleinigkeit aufgedeckt. Sie fanden Dinge, die mir selbst bislang entgangen waren.

Wir gaben unseren Testern spezielle Applikationen zur Aufgabe. Bei ANECON wurde beispielsweise konkret für diesen Anlass eine Handy-App neu entwickelt. Diese galt es zu testen! Muss ich besonders erwähnen, dass mehr Fehler gefunden wurden als mir lieb war? Wir gaben ihnen einen Übungs-Web-Shop, aber auch „echte“ Applikationen, die im WWW ihren Dienst versehen. Unsere Aufgabenstellung an die Tester war immer, einen systematischen und gut strukturierten Test zu entwerfen – und anschließend diese Tests auch durchzuführen. Dies funktionierte im Laufe der Zeit sehr gut! Die Testfälle hatten bald Hand und Fuß, die erfassten Fehlermeldungen waren bei einigen – auch ohne mein Zutun – sehr gut und detailreich formuliert. Auch die Aufforderung sich einem speziellen Thema explorativ zu nähern zeigte sehr schnell Wirkung. Unsere Teilnehmer fanden Fehler in Applikationen, die „live“ waren – da schlägt das Testerherz in mir höher!

ANECON Training_Specialisterne 3

 

Erkenntnisse

Was bleibt noch zu sagen? Wir haben hier ein paar neue Tester gewonnen, die den Einsatz in der Praxis nicht scheuen müssen. Gibt man ihnen Testziele bzw. Aufgaben, die es ihnen ermöglichen den Einstieg zu schaffen, dann widmen sie sich ihren Punkten höchst konzentriert, mit extremer Genauigkeit und voller Leidenschaft. Auch stark repetitive Tätigkeiten stellen in der Regel kein Problem dar – eher das Gegenteil ist der Fall. Sie erlangen ihr Konzentrationslevel auch in Testgebieten, wo man normalerweise als Testmanager schon mit aufkommendem Frust des Teams zurechtkommen muss.

Verschweigen will ich in diesem Zusammenhang nicht, dass ihre Liebe zum Detail, ihre Genauigkeit und ein gewisser Hang zu Perfektionismus eine Herausforderung für uns Testmanager darstellen kann. Mit halbseidenen Aussagen bzw. Aufgaben, die nicht wirklich greifbar sind wird man es schwer haben. Je genauer Aufgaben vorgegeben bzw. kommuniziert werden, desto schneller wird man ans Ziel kommen!

Unsere Aufgabe und Anliegen ist es nun, Einsatzfelder zu finden, die den speziellen Bedürfnissen unserer Tester gerecht werden. Gibt man ihnen das nötige ruhige Umfeld und die Möglichkeit, sich an Strukturen (an Gewohntem) anzuhalten, dann „legen sie los“.

Ich freue mich sehr auf das erste gemeinsame Projekt!

 

[1] Es wird in diesem Blogbeitrag keine Erläuterungen zu Autismus bzw. dem Asperger-Syndrom geben. Der interessierte Leser findet dazu online genug Quellen. Im Besonderen möchte ich den Verein Specialisterne (http://at.specialisterne.com/) empfehlen. Ans Herz legen kann ich aber auch das Buch „Ich muss mich durchs Leben tasten“ von Amadé Módos (ISBN: 978-3-9503273-5-9).

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