Projektmanagement

„Des moch ma scho“ – 5 Erkenntnisse aus meinem ‚Projekt Wien‘

5 Jahre nachdem ich von ANECON Deutschland nach Wien gekommen bin, rücken die deutsche Tochter und ANECON Österreich  näher zusammen. Man sollte glauben: kein Problem, wir sprechen ja alle dieselbe Sprache. Denkste.  Projektkultur und Benimmregeln sind doch ein wenig anders. Was gibt es zu beachten? Hier meine persönliche Top 5 der letzten fünf Jahre bzw. „Fünf Dinge, die man als Deutsche(r) in österreichischen Projekten wissen sollte!“

German and Austrian Flags Waving Together

 

1. Zeit für Smalltalk nehmen

In einem meiner ersten Testprojekte in Wien war die österreichische Projektleiterin ernsthaft verstimmt. Bei einer Telko mit ihrem deutschen Lieferanten wollte sie deshalb unhöflich sein und direkt auf den Punkt kommen, anstatt sich wie üblich Zeit für eine kurze Plauderei zu nehmen. Ob der Lieferant den Hinweis verstanden hätte? Ich glaube kaum. Ob beim ersten Treffen oder bei wichtigen Gesprächen: eine kurze Plauderei über das Befinden oder das Wetter gehört in Wien dazu. Wer sich nicht daran hält, ist unhöflich. Oder Deutscher.

Trotzdem musst Du auf die Frage „Wie geht’s?“ nicht Deine Lebensgeschichte erzählen. Folgende Antworten kann ich empfehlen:

  • „Eh ganz gut.“ / „Eh nicht so schlecht.“ (Mir geht es hervorragend)
  • „Jo eh.“ (Es ist alles ok)
  • „Geht scho.“ / „Passt scho.“ (Mir ging’s schon besser)

 

2. Den anderen verstehen

Im Projektalltag müssen Aufgaben oft priorisiert und nächste Schritte vereinbart werden. Im Österreichisch-Deutschen Dialog lauern hierbei aufgrund der ähnlichen Sprache besonders viele Gefahren. Hier ein paar typische Wendungen und Fallen:

  • „Schau ma moi.“ (Ich hab’s schon vergessen.)
  • „Eh kloa.“ / „Jo, jo.“ (Ich habe es gehört. Daraus ergibt sich aber keine Aktivität für mich.)
  • „Des moch ma scho.“ (Werde ich bei Gelegenheit erledigen, falls ich es nicht vergesse.)
  • „rausstreichen“ (Besonders hervorheben)
  • „urgieren“ (nochmal nachhaken, darauf drängen)

Also: wenn Du sicher sein willst, dass etwas passiert, besser nochmal nachfragen.

 

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3. Respekt zeigen

Obwohl in Österreich das Ende der Adelstitel 1919 im Adelsaufhebungsgesetz beschlossen wurde, sollte man nicht glauben, dass Titel und Stände unwichtig sind. Im Gegenteil: Wird in Deutschland aufgrund von Plagiatsaffären selbst der „Doktor“ immer weniger geschätzt, werden in Österreich Titel von Ingenieur bis zum Generaldirektor genau und gründlich auf Visitenkarten, Türschildern und selbst auf der Jahreskarte für öffentliche Verkehrsmittel geführt.

Beim Erstkontakt per Mail solltest Du daher am besten alle bekannten Titel verwenden – Deine und die des Adressaten. Doch keine Angst: Ein oder zwei Meetings, etwas Smalltalk, vielleicht ein Krügerl und man ist per Du. Vielleicht sogar mit dem Herrn Vizedirektor.

Unter uns ANECONdas ist es leichter: wir sind einfach alle per Du.

 

4. Integrationswillen zeigen

Wien hat einen Ausländeranteil von fast 25%, entsprechend häufig beschäftigen sich die Boulevard-Zeitungen mit der Integrationsunwilligkeit der Einwanderer. Auch ich habe mich schuldig gemacht und den angebotenen Deutschkurs abgelehnt, als ich bei Magistratsabteilung 35 meine Bescheinigung des Daueraufenthaltes abgeholt habe. Da wir Deutschen aber die bei weitem größte Ausländerfraktion in Österreich sind, sollten wir das Thema ernst nehmen. Meine österreichischen Kollegen waren von Anfang an bemüht, mir dabei zu helfen. Die korrekte Verwendung folgender Begriffe zeigt ein Mindestmaß an Bemühen:

  • Kaffee (sprich „Café“, keinesfalls Kaffee oder gar Kaffe)
  • Semmel (bekommt man bei uns als Rosen- oder Kaiserbrötchen. Alle anderen Brötchen sind allenfalls „Weckerl“, aber nie Semmeln. „Brötchen“ sind in Wien übrigens kleine belegte Brote)
  • Obi gspritzt (Apfelschorle. Obi ist eine Saftmarke. Die Variante mit stillem Wasser ist „Obi Leitung“)

 

5. Den Abend nutzen

Nach der Arbeit ist ein gemeinsamer Test der österreichischen Biersorten oder die Übersetzung der Speisekarte eine gute Gelegenheit, sich besser kennen und verstehen zu lernen. Man kann sich in Wien darauf verlassen, dass die Kollegen wissen, wo es gemütliche Lokale und gutes Essen gibt. Und ein regelmäßiger „Regressionstest“ der Lokale ist ohnehin angezeigt. Auch wenn ich die meisten Erklärungen gern Deinem direkten Projektkollegen überlasse, hier noch einige Basisbegriffe:

  • Krügerl (0,5 l Bier)
  • Seidl (0,3 l Bier)
  • Fluchtachterl (Wein wird in Achtel- oder Viertellitern ausgeschenkt. Das Fluchtachterl ist daher das letzte Achterl (oder auch Seidl) vor dem Heimweg … oder das Vorletzte)

Danach geht’s noch zum Würstelstand. „A Eitrige mit an Schoafn, an Buggl und an 16er-Blech“ (Käsekrainer/Wurst mit scharfem Senf, einem Stück Brot und einer Dose Ottakringer Bier) sollte man kennen. Aber die meisten Projektkollegen reden dann doch verständlich: Einen Käsekrainer-Hotdog, bitte.

 

Deinem erfolgreichen Projekt in Österreich steht mit diesem Wissen nichts mehr entgegen. Solltest Du trotzdem Fragen haben: lass es mich wissen oder frag einfach Deine Wiener Kollegen.

Ich danke an dieser Stelle den österreichischen Kulturbotschaftern Robert Licen und Clemens Mucker, die sich viel Mühe gegeben haben, mir die Österreichische Kultur einzutrichtern.

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Ein Kommentar

  1. Liebe Andrea, vielen Dank für deinen tollen Beitrag!
    Mit sind einige Dinge klarer geworden und ich werde deine Tipps in Zukunft hoffentlich häufig anwenden können. Gewiss braucht es dann noch das ein oder andere Krügerl beisammen… und darauf freue ich mich besonders 🙂