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„Bei unseren kritischen Infrastrukturen gilt: Sicherheitsanforderungen stechen jeglichen Komfortgewinn aus!“

Eine Großstadt, ein Paradebeispiel für gelebtes Internet-of-Things (IoT): Die Vernetzung des täglichen Lebens. Dr. Rainer Kegel, Chief Information Officer der Wiener Stadtwerke Holding AG, gewährt Einblicke in das Vorgehen, die Aspekte und die Herausforderungen vor denen sie täglich stehen. Das erklärte Ziel: Höchst möglicher Kundennutzen!

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Im Zuge der Vorbereitungen zum bevorstehenden Quality Leadership Circle sprach ich mit Dr. Rainer Kegel über die Trendthemen IoT, Big Data und Industrie 4.0., über Potentiale und Risiken, Vorgehen und Arbeitsweisen sowie Zukunftsbilder und Ziele.

 

Im Jahr 2020 soll es weltweit rund 30 Mrd Geräte geben, die mit dem Web verbunden sind. Was sind Ihre Gedanken, wenn Sie das hören?

Die Zahlen sind realistisch, da der IoT-Anteil der Produkte immer weiter steigt. Gleichzeitig ist der Mensch nicht auszuklammern. Ich unterscheide in diesem Zusammenhang zwischen technologischem und evolutionärem Fortschritt.

Die rasante Technologieentwicklung kann von den Menschen oft nicht mehr in gleicher Geschwindigkeit angenommen werden. Dabei stellt sich die Frage: schaffen wir es überhaupt noch bei Themen wie etwa autonomes Fahren bzw. connected cars – also Autos die selbständig mit einander kommunizieren und eigenständige Handlungen setzen – die Menschen mit zu nehmen? Wie schaffen wir eine Akzeptanz?

 

In diesem Zusammenhang stellt sich natürlich die Nutzenfrage. Also, was bringt mir die neue vernetzte Gerätewelt für Vorteile?

Der Aspekt des Komforts und der Bequemlichkeit wird den Einzug von IoT im täglichen Leben sicherlich vorantreiben. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist ein Kühlschrank, der bei einem Outlook-Kalendereintrag „Party“ bei gleichzeitig stattfindender Fußball WM selbständig Getränke im Online-Shop bestellt und zwar abhängig von der Anzahl der Personen, die den Termin zugesagt haben.

Was ich damit meine ist, dass beim Thema IoT zwischen Privatperson und Unternehmen unterschieden werden muss. Die Interessenslagen überschneiden sich nicht immer.

Einerseits möchte jeder seine Privatsphäre haben und schützen, andererseits möchte man als Unternehmen möglichst alles über seine Kunden wissen, um bestmöglichen Service und Produkte anbieten zu können – zugeschnitten auf den individuellen Bedarf. Ganz offen gestanden, wir möchten das auch. Diese Interessenslagen gilt es abzugleichen.

 

Wie meinen Sie das konkret? Können Sie ein Beispiel aus den Wiener Stadtwerken nennen?

Ein Anwendungsfall ist beispielsweise der Bereich Fernsteuerung, wie etwa bei U-Bahn Stellwerken, Trafostationen und Strom-Erzeugungsanlagen. Im Endkundenbereich gibt es entsprechende Einsatzgebiete im Smarthome Bereich, wo Endanwender Heizungen oder Verbraucher über das Smartphone steuern können. Dieses Modell ist auf andere Bereiche erweiterbar, wie die Überwachung des Leitungsnetzes in ganz Wien, wo etwa mittels Predictive Maintenance Schäden vorhergesagt werden, bevor sie überhaupt auftreten. Oder den Straßenbahnen der Wiener Linien, wo mittels Mustererkennung frühzeitig Defekte erkannt werden sollen, damit die Straßenbahn möglichst keinen unvorhersehbaren Ausfall hat.

Hier trifft sich nun der Unternehmensaspekt mit dem Kundennutzen: Der Fahrgast profitiert durch einen reibungslosen Betrieb, ohne Verzögerungen, und wir können zusätzlich die Reparaturkosten senken.

 

„Die größten Herausforderungen sind die Details!“

 

Sie sind also bereits mitten in der Ausgestaltung und dem Einsatz der Möglichkeiten von IoT und Big Data. Das heißt, Sie kennen auch die Herausforderungen sehr genau. Vor welchen stehen Sie?

Die größten Herausforderungen sind eigentlich, wie so oft, die Details. Proof of Concepts klingen im ersten Moment sehr interessant, ja logisch. In Feldversuchen stoßen wir aber auf Herausforderungen, die uns im ersten Moment nicht bewusst waren. Etwa das Projekt mit den Wiener Linien im Bereich Erschütterungssensorik. Dabei werden die Erschütterungen nicht klassisch über die Drehgestelle, sondern mittels einer App über Handys gemessen. Klingt logisch, ist jedoch nicht trivial. Da das Handy im dreidimensionalen Raum gehalten wird, ergeben sich unterschiedliche Werte auf den jeweiligen Achsen. Es braucht Mathematiker und Statistiker um die Daten auswerten zu können.

 

Wo schlummert das Potential für die Wiener Stadtwerke?

Ich persönlich sehe für die Wiener Stadtwerke ein enormes Potential, da wir die Stadt, die Infrastruktur und die Kunden aus unterschiedlichen Perspektiven sehen und von Transport, Energie, Netze bis hin zur Bestattung und Friedhöfe viele unterschiedliche Aspekte des Lebens abbilden, was einen großen Vorteil darstellt. IoT kann unsere Geschäftsmodelle erweitern und neue Produkte hervorbringen. Gleichzeitig bedeutet es Datengenerierung.

 

Datengenerierung und –auswertung sind gute Stichwörter. Wie handeln Sie die riesigen Datenmengen, die bei der konsequenten Nutzung von IoT und Big Data entstehen?

Da kommen zwei Dinge zusammen: Wir generieren unglaublich große Datenmengen und haben gleichzeitig noch vergleichsweise wenig Erfahrung im Umgang damit. Aber auch hier beginnen wir uns einzuarbeiten. Dabei sind wir interessanterweise auf vereinzelt existierende Big Data Inseln im Konzern gestoßen, die eine sehr große und schnell veränderliche Menge an Daten haben. Richtigen Mehrwert bringt jedoch erst die Zusammenlegung und übergreifende Analyse dieser Datensilos. Dieser notwendige Schritt stellt eine zentrale Herausforderung dar, denn es gilt Bereichsgrenzen und –denken zu überwinden.

 

„Wenn man Qualität und Nutzen greifbar macht, kann man den „will-ich-auch-haben“ – Effekt erzeugen!“

 

Sie haben das Silodenken erwähnt. Ändert sich die Unternehmenskultur bzw. Arbeitsweise mit IoT und Big Data?

Ja, definitiv. Wir sehen, dass in IoT-Projekten – bewusst oder unbewusst – ein Kulturwandel passiert. Das Mindset ändert sich. Das Silodenken wird aufgebrochen. Gleichzeitig hat sich die Herangehensweise an die Projekte verändert. Mein Zugang ist, wenn man Qualität und Nutzen greifbar macht, kann man andere mitnehmen und den „will ich auch haben“-Effekt erzeugen. Wir setzen das sogenannte „Prototyping Vorgehen“ ein und nutzen den Weg der kleinen aber raschen Umsetzungsschritte, um schnell erste Ergebnisse zum Herzeigen und Diskutieren zu haben.

 

Ein weiteres Buzzword an dem man nicht vorbeikommt ist Industrie 4.0, grob gesprochen die Verschmelzung von Software und Maschinen. Wo sehen Sie Synergien zu IoT und Big Data?

Es ist für mich die Verschränkung absolut nachvollziehbar und wird in Zukunft noch viel stärker sein. Bei uns im Konzern gab es früher etwa eine „Kaufmännische IT“ und eine „Technische IT“, die heute de facto eine IT ist, obgleich es die Begriffe noch immer gibt [schmunzelt]. Das ist jedoch auch deswegen klar, da immer mehr IT Technologien in die Produkte und die kaufmännische Abwicklung einfließen, etwa bei Time-of-use-Tarifen, wo ich auf Basis eines 15min-Verbrauchs theoretisch abrechnen könnte, wieviel der Kunde nach gewissen Handelstarifen an der Börse zahlen müsste.

Es gibt aber für mich auch Grenzen der Verschmelzung, denken wir z.B. an eine Kraftwerkssteuerung. Dort werden auch zukünftig die Sicherheitsanforderungen jeglichen Komfortgewinn ausstechen müssen.

 

Personalisierung und Kundenorientierung sind für die nachhaltige Unternehmensentwicklung zentral. Gibt es für die Abbildung in IT-Systemen einen Aspekt, der noch einer Entwicklung bedarf?

Wir messen dem Thema Systemintegration, IT-Architektur und Enterprise Architektur eine wesentlich höhere Bedeutung bei. Ein Beispiel aus unserem Geschäftsbetrieb: Das Business fordert die Möglichkeit persönlich zugeschnittene Produkte und Services anbieten zu können. Idealerweise einen Einzeltarif. Damit sich dieser rechnet, muss ich über meinen Kunden Bescheid wissen und vollautomatisch ohne großen Aufwand individuell die technische Implementierung schaffen.

Ohne eine gesteuerte Architektur, also dem perfekten Zusammenspiel aller Systeme, geht das nicht. Daher ist in meinem Bereich ein Enterprise Architekt angesiedelt, der genau für diese übergreifenden, strategisch wichtigen Themen Architekturszenarien und –vorgaben erstellt und die Umsetzung steuert.

 

„Die Gegenwart ist schön und wichtig, aber in 3 Jahren gibt es wieder eine Gegenwart und dann möchte ich agieren können und nicht reagieren müssen.“

 

Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Ich sage immer: Die Gegenwart ist schön und wichtig, aber in drei Jahren gibt es wieder eine Gegenwart und dann möchte ich agieren können und nicht reagieren müssen. Es geht also um die Betrachtung entlang einer Mittel- und Langfristperspektive. Das stellt eine Organisation wie die unsere vor eine Herausforderung. Verständlicherweise leben viele im Hier und Jetzt, da auch schlichtweg die Zeit für Überlegungen zu zukünftigen Weichenstellungen nachhaltiger Architekturen fehlt. Dieser Prozess des Abholens, Einbindens und Moderierens wird durch den Enterprise Architekt begleitet.

 

Spielt dabei die Systemharmonisierung eine Rolle?

Ja, definitiv. Mit Blick auf unseren Konzern unterscheide ich bei den Systemen zwischen Datenseite und Prozessseite. Datenseitig sind wir recht gut aufgestellt. Wir haben strukturierte Datenbanken und beschäftigen uns intensiv mit den relevanten Technologien, um auch im Zuge von IoT und Big Data Projekten den Zugriff auf Daten gemäß den Anforderungen wie Performance und Qualität zu gewährleisten.

Handlungsbedarf sehe ich primär auf der Prozessseite. Wo es auch ungleich schwieriger ist. Ich gebe wieder ein Beispiel, um die Komplexität zu veranschaulichen: 2013 wurde die Wien Energie mit der Fernwärme fusioniert. Es mussten Prozesse harmonisiert und zwei unterschiedliche Systemlandschaften zu einer konsolidiert werden. Denn der Kunde erwartet etwa im Falle eines Umzugs zu Recht eine vollkommen einheitliche Abwicklung.

 

Wo sehen Sie Grenzen von IoT in der Umsetzung?

Aus meiner Sicht stoßen wir an mehrere Grenzen. Da gibt es menschliche Grenzen, etwa das Heranreifen neuer Ideen in Organisationen, die einfach ein bisschen Zeit brauchen – das respektieren wir. Hier denke ich etwa an das Thema Blockchain. Die vermeintlich technischen Grenzen akzeptieren wird hingegen nicht und arbeiten konsequent an neuen Lösungen – wie etwa das eingangserwähnte Beispiel der Erschütterungssensorik zeigt. Und dann gibt es natürlich noch die budgetären Grenzen.

 

Wo Grenzen sind, darf die Frage nach den Risiken nicht fehlen. Kommen wir daher auf das brandaktuelle Thema Sicherheit und Cyber-Angriffe zu sprechen. Wie schätzen Sie die Risiken bei IoT ein? Was sind mögliche Antworten?

Was man bei einem Hype-Thema häufig sieht ist, dass viele einfach losstarten und tun. Als Betreiber kritischer Infrastrukturen gehen wir anders vor, denn jeder der das Buch „Blackout“ gelesen hat weiß, dass mögliche Konsequenzen eines Ausfalls jeglicher Basisinfrastruktur weiterreichend sein können!

Wir gehen mit dem Thema Sicherheit sehr bewusst um, so auch in IoT- und Big Data-Projekten. Das bedeutet genau zu analysieren, welche Risiken durch den Einsatz von IoT entstehen könnten, welche Auswirkungen hat es, um daraus etwa abzuleiten, nutze ich Sensordaten nur lesend oder kann ich auch Steuerbefehle absetzen. Und natürlich müssen wir uns ansehen wie zu reagieren ist, wenn einmal trotz weitreichender Maßnahmen etwas passiert.

Ich sehe großen Handlungsbedarf bei der Weiterentwicklung von Sicherheitsstandards von IoT Devices. Bei der eingangserwähnten Zahl von 30 Mrd Devices im Jahr 2020 reichen die aktuellen zum Teil sehr einfachen Mechanismen nicht mehr aus. Hier ist der Gesetzgeber gefordert passende Rahmenbedingen zu schaffen, um den Initialaufwand bei der Verwendung von Sensoren hinsichtlich Analyse erforderlicher Sicherheitsniveaus zu reduzieren.

 

„Die Hebel liegen in der Kombination der Bereiche.“

 

Wie sieht Ihr Zukunftsbild einer vernetzten Stadt aus?

In meiner Vision der vernetzten Stadt Wien, inklusive der Wiener Stadtwerke und aller angebundenen Unternehmen, ist IoT ein wesentlicher, wenn nicht der ausschlaggebende Bestandteil der Smart City. Die Stadt ist kosteneffizient, CO2 reduziert, funktioniert höchst automatisiert und hat als eine der obersten Prämissen die Sicherheit von Systemen und Daten. Die Hebel liegen in der Kombination der Bereiche wie Transport, Energie und Netze usw.. Ein sehr einfaches Beispiel für IoT: So sollen zukünftig Gartenanlagen ausschließlich dann bewässert werden, wenn der Boden trocken ist und nicht wenn die Sonne scheint.

Sie merken schon, was genau eine Smart City ausmacht wird sich zeigen. Wichtig ist, dass dann Wien als Referenz genannt wird. Und wir versuchen unseren Beitrag dazu zu leisten.

 

Eine abschließende Frage: Worauf werden Sie bei Ihrem Impulsreferat beim kommenden QLC besonders eingehen?

Gute Frage [lacht]. Sicherlich werde ich mit viel Energie und Enthusiasmus Einblick in unsere Projekte gewähren und ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Da wir selbst erst beim Erfahrung sammeln sind, sehe ich den Mehrwert des QLC’s im offenen Austausch. Ich freue mich auf die Erfahrungen meiner Peers und den einen oder anderen kontroversen Meinungsaustausch, denn nur dadurch kommt man weiter. Und vielleicht bringt der Dialog ja auch die eine oder andere Kooperationsidee, dafür bin ich immer offen.

 

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