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Digitalisierung: Neue Regeln, altes Spiel

Disruptive Technologien und veränderte Geschäftsmodelle – welcher Manager fürchtet sich nicht, neue Trends zu unterschätzen und dafür posthum den Kodak-Nokia-Nachfolgepreis zu erhalten? Unsinkbare Konzernschiffe bekommen über Nacht Schlagseite, mit Löchern im Rumpf, weil alte Regeln plötzlich nicht mehr gelten. Alles sei ungewiss – jeder möchte ohne Schaden im Spiel bleiben und gleichzeitig entstehende Chancen nutzen.

Für Schachspieler ein vertrautes Bild. Sie sind es gewohnt, mit schwierigen Situationen umzugehen und unter Zeitdruck Entscheidungen treffen zu müssen, die sie am Brett nicht mit ausreichender Gewissheit bewerten können. Von einem alten Spiel mit festem Regelwerk und begrenzter Spielfläche können wir jede Menge lernen, um unsere Herausforderungen mit digitaler Transformation, Neugestaltung von Prozessen und entstehenden Geschäftsmöglichkeiten erfolgreich zu bewältigen. Als passionierter Schachspieler möchte ich auf einige Analogien aufmerksam machen, die sich in die digitale Welt übertragen lassen.

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Initiative ergreifen

Zwei gleich starke Armeen stehen sich in identer Formation gegenüber. Wem es gelingt, die Initiative zu übernehmen, der setzt den Gegner unter Druck, bestimmt den Schauplatz des Geschehens und beschäftigt den Kontrahenten damit, die richtigen Antworten zu finden. Gelingt es, die Initiative beizubehalten, steigen die Erfolgsaussichten. Wie in der Wirtschaft. Die Mitbewerber müssen sich an denen orientieren, die neue Schritte setzen. Aktive Player bestimmen die Entwicklung am Markt und schaffen Chancen.

 

Die Faktoren Raum, Material und Zeit

Wie gewinnt man eine Partie? Durch das Übergewicht bestimmter Faktoren, die dazu führen, das Spiel entscheidend zu gestalten. Indem die eigenen Figuren mehr Raum am Brett einnehmen (Marktanteil), über mehr oder stärkere Figuren zu verfügen (Budget, Kapital, bessere Mitarbeiter). Oder einen zeitlichen Vorsprung herauszuholen, im Schach nennt man es Tempogewinn. Das ist genau das, was in der Digitalisierung passiert. Jemand  ist den anderen dabei voraus, ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln, auf den Markt zu bringen, es auszuprobieren und so weit zu verbessern, bis der Vorsprung Fakten schafft.

 

Wer passiv spielt, verliert

Sich in seiner Stellung einzuigeln, jeden Bauern dreifach zu überdecken und auf eine plötzlich entstehende Gelegenheit zu hoffen, ist selten ein Erfolgsrezept. Es gibt Verteidigungskünstler, die dieses schwierige Spiel beherrschen. Normalsterbliche Schachspieler verlieren so in statistisch relevantem Ausmaß regelmäßig. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man nicht mehr angemessen auf Bedrohungen reagieren kann, geschweige denn jemals wieder zu aktivem Spiel gelangt. Wer glaubt, sich vor der Digitalisierung drücken zu können, indem er defensiv agiert, erleidet ein ähnliches Schicksal. Eines Tages bricht der Umsatz zusammen und das Konzernschiff kentert.

 

Einen Zug machen

Die Figuren sind gut aufgestellt. Die Kräfte wie gewünscht positioniert. Alles unter Kontrolle. Man steht etwas besser als der Gegner, in einer sicheren Position. Aber Schachspieler müssen einen Zug machen, wenn sie an der Reihe sind, ob sie wollen oder nicht. Das Risiko eingehen, ihre Stellung zu verschlechtern, eine falsche Entscheidung zu treffen. Ziehen sie nicht, verbrauchen sie ihre Bedenkzeit und verlieren (die Klappe fällt). Es genügt nicht, sich am Markt ausreichend zu positionieren, auch Firmen und Manager müssen sich für den nächsten Zug entscheiden und dürfen dafür nicht zu lange brauchen.

 

Eröffnung_Screenshot Fritz 8Nach Neuerungen Ausschau halten

Schachgroßmeister gewinnen viele Spiele nicht nur wegen ihrer Fähigkeiten, sondern durch entsprechende Vorbereitung. Sie suchen Neuerungen in der Eröffnung, mit denen sie ihre Gegner überraschen und vor Probleme stellen, die diese in der Wettkampfzeit am Brett nicht lösen können. Wer Neues oder Ungewohntes probiert, kann alleine dadurch einen entscheidenden Vorteil erringen.

 

Übernehmen, was zu einem passt

Wer eine neue Eröffnungsvariante ausprobiert, ohne sie zu verstehen, ihr Wesen, ihre Ziele, ihre Erfordernisse, verliert meist rasch. Es hilft einem Spieler nicht, die Varianten des Schachweltmeisters zu spielen, wenn sie nicht seiner Spielweise und seinen Fähigkeiten entsprechen. Schachspieler sollten vor allem neue Eröffnungssysteme in ihr Repertoire aufnehmen,  die Elemente enthalten, in denen sie auf bewährte Stärken zurückgreifen können. Firmen, die diesen Grundsatz nicht beherzigen, scheitern daran, Neuerungen von anderen zu übernehmen oder sich neu zu erfinden. Erfolgreich sind jene, die ihre Stärken und Erfahrungen mit etwas Neuem verbinden, statt blindlings zu kopieren.

 

Der Gegner wartet nicht

Der andere Spieler hat seine eigenen Pläne. Er wartet nicht darauf, was wir vorhaben. Er macht Züge, die uns nicht aussichtsreich erscheinen oder mit denen wir nicht rechneten. Wir müssen uns trotzdem damit auseinandersetzen, ob wir wollen oder nicht. So wie wir laufend das Marktgeschehen in unsere Überlegungen miteinbeziehen, bevor wir den nächsten Schritt bei unseren Vorhaben setzen.

 

Was könnte drohen?

Während einer Schachpartie hält man nach jedem Zug des Gegners am besten danach Ausschau, ob dadurch neue Bedrohungen entstanden sind. Oder ob bereits bekannte Gefahrenpotentiale nun ein neues Eigenleben entwickeln. Es gibt nur einen richtigen Zeitpunkt, das zu erkennen und gegebenenfalls die notwendige Erwiderung zu finden, nämlich sofort. Unternehmen müssen ständig Bedrohungen wahrnehmen, einschätzen und darauf reagieren, sonst geht es ihnen wie vielen durchschnittlichen Clubspielern, die davon überzeugt sind, besser als ihr Gegner zu spielen und am Schluss nur wegen ein oder zwei schlechten Zügen trotzdem verloren zu haben.

 

Für eine Strategie entscheiden

Ein Schachspieler braucht einen langfristigen Plan, dem er seine Züge unterordnet, eventuell  noch ein paar Optionen, wo und wie er tätig werden kann. Erprobt er drei verschiedene Strategien gleichzeitig, kann er keine davon umsetzen. Die eigene Stellung verliert rasch an Zusammenhalt. Markenauftritt, das Verhalten am Markt, Vorgehensweisen, all das will ebenso überlegt sein. Es muss eine Richtung geben, in die man sich bewegen möchte. Und das Management muss sich dafür entscheiden, bevor es Projekte aufsetzt – nicht umgekehrt.

 

Schachmatt_Screenshot Fritz 8Taktische Fehler

Ein falscher Zug kann eine Schachpartie entscheiden. Da hilft die beste Strategie nicht. Unternehmen halten mehr aus. Die meisten Schachpartien werden durch taktische Wendungen gewonnen, das geschieht im Wirtschaftsleben etwas weniger oft, obwohl auch dort ein einziger Fehlgriff bereits Branchenriesen zum Fall gebracht hat. Meist lag aber bereits vorher der eine oder andere Mangel vor – was ebenso im Schach meist die eigentliche Wurzel des Übels ist. Die Schwierigkeit, Strategie und Taktik voneinander zu unterscheiden und sie situativ miteinander zu vereinen, die richtigen Projekte zu starten, anzupassen oder wieder einzustellen, ist eine Kunst für sich.

 

Kreativ sein – ohne auf die Schwerkraft zu vergessen

Originelle Spielzüge sind das Salz in der Suppe, der Mehrwert, der den Beobachter erfreut und die Entscheidung bringen kann. Verkrampft nach Neuerungen zu suchen, wo keine angebracht sind, führt Spieler jedoch auf die Verliererstraße. Übliche Erfolgsfaktoren und dafür notwendige Methoden bleiben weiterhin gültig. Oft reicht es, sein Spiel zu modernisieren und anzupassen, um in Wettkämpfen mehr Punkte zu erzielen. Unternehmen müssen nicht täglich die Welt neu erfinden, ein paar entscheidende Verbesserungen können schon reichen, um am Markt erfolgreich zu bleiben.

 

Flexibel bleiben und Pläne ändern

Eben war die Welt noch in Ordnung und nur wenige Züge später regiert am Brett das pure Chaos. Den zuvor gefassten Plan stur beizubehalten, könnte nun ein schwerer Fehler sein. Also: Zeit investieren, die Lage neu bewerten und angemessen reagieren. Es geht darum, zu gewinnen, Produkte oder Dienstleistungen zu verkaufen. Der alte Plan taugt nicht mehr? Eine bessere Idee taucht auf? Wenn wir unser Geschäftsmodell nicht als heilige Kuh betrachten,  fällt es uns leichter, neue Wege zu gehen.

 

Der richtige Zug

Einige sind erzwungen, einige logisch, oft gibt es jedoch mehrere Alternativen. In vielen Positionen gibt es keinen objektiv besten Zug. Manchmal ist derjenige am geeignetsten, der unserem Gegner (Mitbewerber) nicht liegt oder Chancen bietet, selbst wenn er ein gewisses Risiko beinhaltet und wir einen solideren Zug zur Auswahl hätten. Oft ist der zweitbeste Zug der einzig richtige. (Zitat Tartakower, 1887 – 1956). Das kann auch für Unternehmen gelten.

 

Gelegenheiten nutzen

Manchmal ist Schach wie Fußball. Wenn es eine Chance gibt, gilt es sie zu nutzen, sonst zählt sie nicht. Am Brett wie in der Wirtschaftswelt muss sie konkret durchgerechnet, die Varianten bewertet und bei Erkennen eines Vorteils sofort umgesetzt werden.

 

Wenn nichts mehr geht: spielen!

Die Lage ist schlecht, Kommentatoren bewerten die gezeigte Performance als ungenügend und bewerten die weiteren Aussichten negativ. Was macht ein Schachspieler in dieser Situation? Aufgeben? Nein, Kräfte zusammenreißen und entschlossen spielen. Neue Chancen suchen und aufbauen. Um oft doch noch zu gewinnen. Manche Spieler brauchen diesen Druck, um ihre Möglichkeiten auszuschöpfen. Großen Firmen und Konzernen kann es ähnlich gehen. Lassen Sie sich aber nicht zu viel Zeit, die Chancen der digitalen Transformation zu nutzen. Bleiben Sie besser von Anfang an aktiv.

 

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