Anforderungsmanagement / Software-Test / Testmanagement

Der Testmanager als Anforderungsmanager oder die Geschichte multipler Persönlichkeiten: Wer bin ich heute?

Nach etlicher Zeit, während dieser der Testmanager bei der Projektleitung auf einen Anforderungsmanager bestanden hat, damit Ordnung in die Anforderungsdokumentation kommt und diese auch immer aktuell gehalten wird, gab die Projektleitung letztendlich nach: Es soll jemand zum Anforderungsmanager ernannt werden. Und da es so praktisch war – gleich der Testmanager.

Testmanager als Anforderungsmanager - multiple Persönlichkeit

Die Projektleitung handelte sogar im guten Glauben. Schließlich muss der Testmanager die Anforderungen auch lesen, so könne man Zeit sparen. Außerdem werden die Anforderungen ohnehin hauptsächlich für den Test geschrieben. Und letztendlich ist der Testmanager mit seinem kritischen Hinterfragen doch prädestiniert dafür, auch die Rolle des Anforderungsmanagers mitzumachen. Zudem wäre eine gleichmäßige Auslastung gegeben – als Anforderungsmanager zum Beginn und als Testmanager zum Ende des Projekts. Doch was für den einen als gute Idee scheinen mag, trifft für die betroffene Person nicht zu.

Abgesehen davon, dass beide Rollen zumindest eine Person pro Rolle voll auslasten, entstehen durch die Personalunion Anforderungs- und Testmanager vor allem für die Person selbst Konflikte. Er würde schon multiple Persönlichkeiten benötigen, um beide Rollen mit der notwendigen Sorgfalt und ohne innere Diskussionen zu erfüllen.

Kommt es etwa bereits bei der Erhebung der Anforderungen zu terminlichen Verzögerungen, müsste der Anforderungsmanager sich für eine Verlängerung der Analysephase einsetzen. Wissend, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit dann diese Verlängerung eine zeitliche Kürzung am anderen Ende der softwareentwicklerischen Nahrungskette zur Folge hat: Die Zeit für den Test wird gekürzt. Nun müsste also der Testmanager gegen eine Verlängerung der Analysephase stimmen (oder für eine Verlegung des Liefertermins). Was wiederum der Anforderungsmanager… Edward DeBono beschreibt das Sechs-Hüte-Denken, eine einfache Methode nicht nur für Requirements Engineers, um andere Standpunkte einzunehmen. Auch wenn es sich in unserem Fall nur um zwei Hüte handelt, kann bezweifelt werden, dass unser Supermanager in dieser Situation lange bei geistiger Gesundheit bleiben würde.

Auch müsste er sich in seiner Rolle als Testmanager selbst kritisieren. Denn selbst mit einem Anforderungsmanager sind perfekte, fehlerfreie Anforderungen wohl eher in den Bereich der Mythen und Legenden zu verweisen. Natürlich kennt unser Supermanager viele der Schwachpunkte in den Anforderungen. Und dies kann er dann ausnutzen, da die unabhängige Kontroll- und Qualitätssicherungsinstanz – der Testmanager – so unabhängig nun doch nicht ist.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass weitere Schwachpunkte in den Anforderungen auch nach bestem Wissen und Gewissen bei der Qualitätssicherung durch blinde Flecken nicht entdeckt werden.

Daher sollte – auch wenn es am Papier oder im Projektplanungstool verlockend aussieht – der Testmanager nicht in Personalunion als Anforderungsmanager eingesetzt werden.

 

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