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Deadline – eine todsichere Angelegenheit

Bei manchen Begriffen ist es offensichtlich, warum sie unverändert in die eigene Sprache übernommen werden. Wer möchte schon in einer Besprechung sagen, dass die Todeslinie für Übermittlung der Liste soundso spätestens heute Abend erreicht ist? Den Mittwoch als Galgenfrist für Feature 23 zu bezeichnen, klingt auch nicht wirklich gut. Da bleibt man schon lieber bei Deadline und End of Business (Day). Schließlich weiß unterbewusst jeder, was damit gemeint ist. Nämlich, dass es nur mehr um den Termin geht und alle anderen Werte gerade dabei sind, den Bach hinunter zu gehen. Und dabei spielen auch noch die 3 Ritter eine Rolle  – dazu eine kleine Bildergeschichte.

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Das Dreieck der 3 Ritter

 

Projekt1

 

Am Anfang steht die gleichberechtigte Existenz von Time, Scope und Budget. Unverrückbar stehen sie sich gegenüber. In gegenseitiger Abhängigkeit harren sie der Dinge, die mit ihnen geschehen. Generationen von Projektleitern werden darauf eingeschworen, für ihre Einhaltung verantwortlich zu sein und mit mindestens drei Projektampeln regelmäßig, am besten gleich wöchentlich, über den Status ihrer Zielerreichung zu berichten.

Kompromisse sind nicht möglich. Der Projektmanager hat dafür zu sorgen, diese ehernen Konstanten einzuhalten. Sie zu managen, wie es so schön heißt.

Projekt2

Man muss es sich so vorstellen. Time, Scope und Budget sind drei Ritter, die miteinander kämpfen. Wem gönnt das Management seine Gunst? Welcher der drei Kämpfenden wird mit besonderer Aufmerksamkeit belohnt? In vielen Fällen setzt sich der Termin durch. Er wird gestärkt, besonders betont, hervorgehoben.

Natürlich sind Scope und Budget unverändert wichtig. Trotz kleiner Schwierigkeiten gibt es keinen Zweifel daran, dass nur alle drei gemeinsam das Ziel erreichen können.

Projekt3

 

Hoppala. Bei gefühlter Projekttemperatur von ein paar hundert Grad hat sich das eiserne Dreieck verformt. Schwierigkeiten, wohin man blickt. Unklarheiten, Zielkonflikte, geänderte Anforderungen. Alles ist schwieriger als angenommen. Das Projekt wackelt, aber der Rahmen, an dem es gemessen wird, soll unverändert bleiben. Welchen der drei Ritter kann man nun am besten unterstützen, um nach außen den Projekterfolg sicherzustellen?

Erraten, den Termin. Er steht unbefangen in der Landschaft. Als Figur, die nicht verschoben werden darf. Prominent in Position gebracht, symbolisiert er weiterhin Stabilität. In einer Powerpoint-Präsentation ist er selbsterklärend und bedarf keiner weiteren Worte. Damit Scope und Budget sich nicht kränken, werden sie verbal unterstützt. Das Budget sogar aufgestockt und der Scope mit ersten Kompromissen gehegt und gepflegt. Aber der Termin dominiert. Bei jedem Meeting, bei jedem Bericht. Alles richtet sich nur mehr nach ihm.

 

Projekt4

 

Es kommt, wie es kommen muss, wenn nur mehr einer das Sagen hat. Der Termin ist zur Drohgestalt geworden, in dessen Schatten Scope und Budget ein kümmerliches Dasein führen. Sie sind unwichtig geworden, werden zwar regelmäßig eingeladen, aber nicht mehr ernst genommen. Dem Budget werden weitere Mittel umgeschnallt, selbst wenn es damit unbeweglich wird. Der Scope wird zuerst jede Woche neu ausstaffiert, um danach jedes entbehrliche Kleidungsstück zu verlieren.

Der Termin hat nun einen Spitznamen bekommen, der sich in die Hirne der Projektmitarbeiter unwiderruflich einbrennt: Deadline. Bedrohung und Angst als Mittel zur Mobilisierung der Kräfte, um allen Beteiligten den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Aus dem Dreieck ist eine Linie geworden, die es zu überschreiten gilt, egal um welchen Preis.

Projekt5

 

Die Schwerkraft im Projekt verdichtet sich und wird zu einem schwarzen Loch, in dem alles verschwindet. Prozesse, Qualität, ursprüngliche Ziele, Nutzen, sie alle werden von einer unheimlichen Kraft angezogen und verschluckt. Scope und Budget haben endgültig eine Statistenrolle übernomen, es fällt nicht mehr auf, falls sie bei Meetings fehlen.

Am liebsten würde das Management Raum und Zeit krümmen, um den bereits längst unmöglichen Termin noch zu halten. Ich nenne es: Projektsingularität.

 

Nach dem scheinbaren Ende von Raum und Zeit

Überraschung! Es gibt ein Leben danach. Der Rubikon im Kalender wurde überschritten, vorher vielleicht als kleines Zugeständnis sogar noch etwas angepasst. Herkömmliche Physik übernimmt wieder das Kommando und Rauchwolken beginnen sich aufzuflösen. Für ein paar Wochen verbreitet sich im Projektteam ein Gefühl von Zufriedenheit, das bei vergangener Extrembelastung sogar in kleine Euphorie ausarten kann, da die große Katastrophe ausgeblieben ist.

Projekt6

Es ist der Zeitpunkt, auf den Scope und Budget gewartet haben, die sich solange im Hintergrund unaufällig verhalten durften. Der Anwender beginnt vorhandene Mängel nicht mehr als vorübergehende Erscheinung wahrzunehmen. Grundlegende Fehler und Mängel werden allmählich entdeckt. Die Qualität ist unzureichend. Kunden oder wichtige Bereiche können mit der Anwendung nicht wie erwartet arbeiten. Eine Eskalation nach der anderen. Und das, obwohl so viel mehr Geld ausgegeben wurde, als ursprünglich geplant. Geld, das jetzt fehlt, um die Situation zu verbessern.

Scope und Budget folgen der auf Dauer nicht zu leugnenden Schwerkraft und fallen dem Termin auf den Kopf. Im Nachhinein fragen sich alle: Wie war es nur möglich, dass das Projekt so verlaufen konnte? Und alle sind sich einig: Das passiert uns nie mehr wieder!

 

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3 Kommentare

  1. Ernst Lieber sagt:

    Wie wahr, wie wahr!

    Schöner Artikel – auch über die mangelnde Lernfähigkeit der Menschen 🙂

  2. Maximilian Wallisch Max Wallisch sagt:

    Herrlicher Artikel! Ich persönlich denke immer an das Projekt „Viereck“ welches ich noch um die Dimension „Quality“ erweitere. Aber vielleicht auch nur deswegen weil ich aus dem Test komme und die Quality ansonst in den Projekten auch dem Termin oder den anderen Rittern weichen muss 🙂

    • Ursula Mayer-Schwalb Ursula Mayer-Schwalb sagt:

      Dieses Viereck kenne ich! Es entwickelt ein Eigenleben: Scope und Qualität haben ihren eigenen, kleinen Machtkampf und verpassen so nicht selten den Zeitpunkt ab dem sie zusammenarbeiten sollten um nicht gemeinsam auf dem Altar der Deadline geopfert zu werden.