Anforderungsmanagement / Software-Test / Testmanagement

Abnahmekriterien: Brücke oder Krücke zwischen Requirements Engineering und Test?

Zwiespältige Meinungen zu Abnahmekriterien: Rauben Sie Zeit und engen sie den Test ein oder bieten sie Orientierung und Sicherheit? Die meisten Templates zum Anforderungsmanagement sehen inzwischen neben Feldern für die genaue Beschreibung und den Zweck der Anforderung auch eine Möglichkeit vor, Abnahmekriterien anzugeben. In User Stories, Volere- bis hin zu selbstgestrickten Templates finden sich diese mehr oder weniger unreflektiert.

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Was sind Abnahmekriterien?

Abnahmekriterien sind nach IEEE 610 jene Kriterien, „die ein System oder eine Komponente erfüllen muss, um eine Abnahme durch den Benutzer, Kunden oder eine bevollmächtigte Instanz erfolgreich abschließen zu können“. Für den Test ist ein Abnahmekriterium eine Anweisung einer Anforderung betreffend, welche die Prüfung und Bewertung des erstellten Produktes oder durchgeführten Prozesses gegenüber dieser Anforderung beschreibt. Das bedeutet aber auch, dass in Abnahmekriterien keine zusätzlichen Leistungen oder Eigenschaften versteckt sein dürfen, die in den eigentlichen Anforderungen nicht auftauchen.

Ob Abnahmekriterien sinnvoll sind oder nicht, spaltet allerdings die Lager. So würden die einen das Wort „Abnahmekriterien“ überhaupt aus dem Wortschatz streichen, während aber andere nach wie vor auf die Abnahmekriterien schwören. Interessanterweise sind sowohl Requirements Engineers als auch Tester hier zwiespältiger Meinung.

 

Brücke oder Krücke?

Die häufigsten Gründe, warum in Projekten auf Abnahmekriterien verzichtet wird sind aus eigener Erfahrung:

  • Keine Zeit der Requirements Engineers diese zu schreiben
  • „Ist doch das gleiche wie in der Beschreibung der Anforderung“
  • Angst der Tester, dass die Testfallerstellung von den Requirements Engineers miterledigt wird (und daher nur mehr die Durchführung übrigbleibt)
  • Einengung der Tests. Es zählt nur mehr, was in den Abnahmekriterien steht. Fehlermeldungen, die nicht direkt die Abnahmekriterien betreffen, werden kategorisch abgelehnt. Mag dies auch in manchen Situationen erwünscht sein, besteht die Gefahr, dass nur mehr entlang der Abnahmekriterien getestet wird und z.B. übergreifende Tests vernachlässigt werden.

In der Praxis sind die Abnahmekriterien tatsächlich oft mehr Ärgernis als Hilfe – unter anderem deshalb, da testbare Abnahmekriterien mit Mehrwert nicht so einfach zu erstellen sind. Stimmt das Vorgehen, sind die Anforderungen korrekt erstellt und entsprechen den gängigen Qualitätskriterien, so kann getrost darauf verzichtet werden. Konflikte durch Aussagen „Da mach ich ja die Arbeit der Tester!“, „Für was denn nochmal alles aufschreiben, steht doch eh schon in der Beschreibung, die sollen diese lesen“ oder „Und das sollen testbare Abnahmekriterien sein?“ werden durch den Verzicht genauso vermieden wie notwendige Überarbeitungen der Anforderungen durch falsch formulierte Abnahmekriterien und der damit einhergehenden Verzögerungen in der Umsetzung.

Leider werden in den seltensten Fällen die Tester bereits frühzeitig in das Projekt eingebunden und perfekte, fehlerfreie Anforderungen sind schwer zu finden. Vor allem unter Zeitdruck und mit neuen, unerfahrenen Projektteams oder vage formulierten Lastenheften des Auftraggebers.

Aber gerade in diesen Situationen sollte nicht auf Abnahmekriterien verzichtet werden – auch wenn es oft schwerfällt! In der agilen Welt sind die Abnahme- oder Akzeptanzkriterien häufig die einzige Detailierung der User Stories, aber auch in klassischen Projekten bieten Abnahmekriterien eine weitere Möglichkeit, Testfälle zu entwerfen und Schwerpunkte zu setzen. In beiden Fällen bieten sie Orientierung und Sicherheit.

Denn auch für Anwender, die als Requirements Engineers eingesetzt werden, bieten die Abnahmekriterien eine indirekte Hilfestellung. So müssen sie nochmals und in anderen Worten über die Anforderung nachdenken. So manche Doppeldeutigkeit ist durch die Formulierung der Abnahmekriterien schon an das Tageslicht gekommen, viele Anforderungen wurden so geschärft.

Kann bei Zeitdruck sowie mit erfahrenen Requirements Engineers und Testern auf die Abnahmekriterien verzichtet werden, so sollten Sie sich bei Neulingen und genügend Zeit Abnahmekriterien gönnen. Letztendlich können vereinbarte Abnahmekriterien auch vor juristischen Klagen schützen.

 

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