Karriere

5 Parallelen zwischen meiner Väterkarenz und dem Projektleben

Schon bevor mein Sohn geboren wurde, war für mich klar, dass ich die Möglichkeit der Väterkarenz nutzen möchte. Das liegt einerseits an meiner eigenen Vorgeschichte, aber auch an den vielen positiven Erfahrungen, die mir Jungväter in meinem Umfeld mitgegeben haben. Mein Arbeitgeber ANECON hat mir diese Chance ermöglicht und ich bin froh, sie genutzt zu haben! Die Projektarbeit war während dieser Zeit aber dennoch nicht ganz fern von mir – entdeckte ich doch immer wieder Parallelen.

Sie fragen sich wo diese Parallelen liegen? Rituale unterstützen Strukturen, Wichtigkeit von Selbstvertrauen und Vertrauen, Konsequenz führt zu Beständigkeit, alle Beteiligten sind wichtig, … kommt Ihnen das aus beiden Welten bekannt vor? Lassen Sie mich gerne ein paar Punkte erläutern:

 

1. Rituale unterstützen Strukturen

Das Gute-Nacht-Ritual macht Papa. Das ist jeden Tag so und funktioniert großartig:

  1. Die Zähne werden geputzt
    1. Zuerst putze ich ihm die Zähne
    2. Dann darf er auch ein bisschen selbst weitermachen
  2. Die Jalousien und Vorhänge werden geschlossen
  3. Die Kleidung wird ausgezogen
  4. Schnuller samt Oleovit Tropfen
  5. Die Windel wird gewechselt
  6. Der Pyjama wird angezogen
  7. „Herr Pinz und Herr Panz“
  8. Der Schlafsack wird angezogen
  9. Er wird ins Bett gelegt
  10. Gute Nacht-Geschichte
  11. Das Licht wird ausgeschalten
  12. Gutenachtlied („La Le Lu“)
  13. „Gute Nacht, kleiner Mann“
  14. Ich verlasse den Raum

In den ersten Monaten gab es dieses Ritual nicht. Für ein Neugeborenes scheint es noch wenig Verständnis für einen Schlafrhythmus zu geben. Es passiert einfach irgendwie. Nichts desto trotz versuchten wir bald ein Ritual zu finden, welches auch längerfristigen Bestand hat. Auch aus eigennützigen Gründen – „Random Sleeping“ ist für einen Erwachsenen eine wahre Folter. Dieses Ritual zu erarbeiten war nicht schwierig, es einzuführen aber sehr wohl! Nicht zuletzt, weil man einem Säugling nur auf Umwegen klarmachen kann, „dass es jetzt schon acht am Abend ist und du nur grantig bist, weil du müde bist und deinen Schlaf brauchst, und bitte bitte schlaf ein, ich kann nicht mehr…“.

Mittlerweile gibt es auch weitere Rituale (für den Morgen, den Weg in die Kinderkrippe, den Heimweg, den Mittagsschlaf, …. und für das „Toy-Management“, wie ich es gerne liebevoll nenne. Das bedeutet z.B. dass erst ein neues Puzzlespiel aus der Lade genommen werden darf, wenn die anderen Spiele samt allen Einzelteilen wieder verräumt wurden.

Wenn ich darüber nachdenke, ergeben sich hier viele Parallelen zum Arbeiten im Team. Ich erinnere mich sofort an Bruce Tuckmans „Stages of Group Development“: „Forming – Norming – Storming – Performing“.

Das neue Team wird gebildet (-> die Geburt) ohne Regeln. Wir überlegen uns ein Vorgehen (-> das Ritual beim Schlafengehen wird erarbeitet). Es kracht – Dinge werden geklärt und akzeptiert (-> das Ritual wird eingeführt). Und endlich rennt das Team so, wie man es sich gewünscht hat (-> das Schlafengehen klappt)!

Auch das Thema „Ritual“ findet sich wieder, nehmen wir Scrum als Beispiel: Estimation, Planning, Daily Standup, Review, Retrospektive – alles Rituale, die den Alltag strukturieren und Diskussionen in geordnete, ritualisierte Bahnen lenken.

 

2. Jede Familie hat ihre eigene Sprache

Unser Sohn hat recht früh mit Tierlauten begonnen. Wauwau, Krah Krah, Grunz. Bis heute (er ist jetzt eineinhalb Jahre alt) nennt er viele Tiere vorzugsweise bei ihren Lauten, auch wenn er ihre Namen genau kennt. Als wir vor einigen Wochen zum ersten Mal mit ihm in der Kinderbetreuungsstelle waren, begannen wir, dem Kinderpädagogen zu erklären, wie er sich derzeit verständlich macht. Ich habe dann sogar damit angefangen, ein Wörterbuch zu gestalten (halb aus Spaß, halb ernst gemeint). Hier ein kleiner Auszug:

Sohnemann Deutsch
Aaaahhh Durst
Ame Dame, Tomate
Apuka Gemüse
Kapuka Karotte
Keke Schnecke, Ente
Ssssss Flugzeug, fließendes Wasser, Brutzeln
Tk Tk Tk Katze

 

Ich bin auf knapp 100 Ausdrücke gekommen und habe sicher auf viele vergessen. Der Pädagoge lächelte nur milde. So hat wohl jedes Kind und jede Familie die eigenen Ausdrücke.

Logisch eigentlich, dass ein Betreuer nicht das Vokabular jedes einzelnen Kindes lernen kann oder will. Immerhin sollen die Kinder ja auch eine „standardisierte“ Sprache lernen.

Zurück am Arbeitsplatz, bekam ich ein Konzept für ein Kundenprojekt zum Aufgleisen und Reviewen geschickt. Als Grundlage dafür gab es eine nicht unwesentliche Anzahl von Kundendokumenten. Pflichtbewusst wollte ich mir natürlich Grundwissen aneignen und begann mit dem Lesen der Kundendokumente – nur um rasch festzustellen, dass der Jargon, die Abkürzungen und Ausdrücke ohne tieferes Wissen über die konkrete Projektsituation und Systemlandschaft komplett aussichtslos war.

Auf Nachfrage klärten sich viele Ausdrücke, die sich tatsächlich auf „echte“ Unternehmensspezifika bezogen. In den meisten Fällen handelte es sich aber um einen Jargon, der sich eingebürgert hatte, für den aber durchaus auch gebräuchliche Standardausdrücke existiert hätten.

Diese Standardisierung ist vielleicht nicht immer nur positiv besetzt, bietet aber den Vorteil, dass Personen, die nicht so tief im Umfeld verhaftet sind, auch verstehen worum es geht. Und die Personen, die mit dieser spezifischen Sprache vertraut sind, sollten die Standardausdrücke zumindest kennen, um den Austausch mit Personen außerhalb der Organisation zu ermöglichen.

 

3. Über Vertrauen, Selbstvertrauen, und Ratschläge

Wenn ein Kind geboren wird, verwandelt sich die Welt für die Eltern. Teil dieses Phänomens ist (neben Glück und Schlaflosigkeit), dass die Welt nicht nur vor kleinen und großen Wundern, sondern auch vor gutgemeinten Ratschlägen überzugehen scheint. Langsam spielt sich der Alltag ein, und Großeltern und Bekannte werden von wandelnden Ratgebern wieder zu umgänglichen Menschen.

Und dann kommt die Väterkarenz.

Die ersten Tage ist man für Ratschläge wieder dankbar, doch dieser Dankbarkeit folgt bald eine leichte Irritation, die sich über die nächsten Tage kontinuierlich steigert, um schließlich in eine gewisse Resignation zu münden.

Grafik

Die Geschichte wiederholt sich – mit dem zentralen Unterschied, dass man als Mann in dieser Situation entweder als Held oder als hilfloses Wesen betrachtet wird. Manchmal als beides gleichzeitig.

Aber man gewöhnt sich daran. Es bildet sich ein gewisses Selbstvertrauen: „Der Kleine hat bis jetzt überlebt – offensichtlich mache ich wohl doch etwas richtig!“, und man lernt Vorschläge auch als solche zu akzeptieren. Einige will man annehmen und umsetzen, andere aber auch vielleicht nicht – und das ist gut so. Und ein spannendes Phänomen: Nach einer Weile erwischt man sich sogar selbst dabei , wie man anderen Jungeltern – fast schon mit einer gewissen Genüßlichkeit – ebenfalls Ratschläge gibt.

Ähnlich sehe ich viele Situationen im Projektleben auch. Als Dienstleister ist es durchaus an der Tagesordnung, sich bei einem neuen Kunden zurechtzufinden. Wichtiger Teil dieser Phase ist es unter anderem Ideen, Vorschläge, Eigenheiten und Konzepte aufzusaugen. Fast noch wichtiger ist es aber, zu lernen, die unterschiedlichen Informationsquellen zu werten und zu priorisieren.

Kundensituationen sind komplex – umso wichtiger, dass man als Dienstleister und damit auch als „Stimme von außen“ sich auf das Wesentliche konzentriert.

Aber auch aus der anderen Perspektive ist es wichtig, seine eigene Meinung und Situation nicht als das Nonplusultra zu verstehen, und auch damit leben zu können, wenn die eigenen Ideen und Vorschläge vielleicht gerade im Moment nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.

 

4. Konsequenz führt zu Beständigkeit

Er ist ja wirklich süß. Und das weiß er auch. Ein treuherziger Blick, und man überlegt, ob er nicht doch nur diesmal, ausnahmsweise, weil er ja sonst eh nicht darf, und ab morgen auch nicht mehr, alle seine Bausteine unter das Sofa schieben darf. Oder doch ein Stück von dem Kuchen bekommt, der (in Sicherheit vor Katzen und Kindern) außer Reichweite auf dem Kasten steht – er schaut ja die ganze Zeit so sehnsüchtig, und sonst isst er doch eh so gesund, nur ausnahmsweise jetzt heute diesmal…

Und am nächsten Tag das gleiche…

Und schon ist aus der absoluten Ausnahme der Regelfall geworden. Und wenn man beim ersten Mal meint „er ist so arm, er darf das ja nicht“, dann kann man sich vor Augen halten, wie es dann ist, wenn er daran gewöhnt ist, zu dürfen, und dann plötzlich mal nicht mehr darf. Dann gibt es nämlich richtig Stress. Dann bleibt es nicht bei traurig schauen und die Mundwinkel nach unten ziehen – dann werden härtere Geschütze aufgefahren.

Ich fühle mich dadurch deutlich an eine Projektsituation erinnert. Für eine stabile, effektive Testautomatisierung eines UI ist es wichtig, dass einzelne UI-Elemente eindeutige, stabile Erkennungsmerkmale besitzen. Die kommen leider nicht automatisch zustande, sondern müssen von den Entwicklern vergeben werden. Das ist (leider) in den meisten Entwicklungsumgebungen optional.

In diesem Projekt war Test und Automatisierung von Anfang an Thema. Automatisierbarkeit war Teil der Qualitätskriterien, und die Vergabe von UI-IDs war fixer Bestandteil der Coding Guidelines und eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Manchmal wurde darauf vergessen. Was zur Konsequenz hatte, dass der Automatisierer einen leichten Fehler erfasste, der dann durch das Entwicklungsteam behoben hätte werden sollen. In stressigen Zeiten war das oft auf der Prioritätenliste ganz unten. Auf Nachfrage kam die Rückmeldung „Wir haben Stress, könnt ihr nicht ausnahmsweise einen Workaround bauen?“. Na gut. Diesmal. Ausnahmsweise. Bis die Häufung der Ausnahmen dazu führte, dass die IDs beinahe gar nicht mehr vergeben wurden. Und das führte wiederum dazu, dass die Automatisierung immer instabiler wurde…

Das Thema wurde auf den Tisch gebracht – es wurde intensiv und emotional diskutiert bis es ein Machtwort von oben gab, welches zähneknirschend akzeptiert wurde. Die bei Abwesenheit von IDs eingemeldeten Fehler hatten nun nicht mehr die Priorität „leicht“, sondern waren jetzt „Blocker“, also auf der Prioritätenliste ganz oben.

Was wir ursprünglich schon hatten, haben wir durch Ausnahmen erodieren lassen und mussten es uns wieder hart erkämpfen.

 

5. Alle sind wichtig, auch wir

Ein Kind braucht viel Aufmerksamkeit. Spielen, füttern, wickeln, Babyschwimmen, Babyturnen, musikalische Frühförderung, Babytreff, Elterntreffen, Kinderarzt zum Impfen, Spielen mit seinen Freunden. Und das Leben ist auch so schon kompliziert genug. Arbeiten. Im Haus gibt es immer was zu tun, man sollte auch im Garten wieder mal was machen – und wir wollten doch schon lange mal diesen neuen Spielplatz ausprobieren? Und mit unseren Freunden haben wir uns auch schon lange nicht mehr getroffen, oder? Und nächstes Wochenende sind wir bei den Großeltern.

Wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal Zeit für uns genommen? Haben etwas zu zweit unternommen oder waren auch einfach nur zu zweit essen? Ist schon länger her, oder? Aber wer passt auf den Kleinen auf? Meine Eltern? Die sind grad auf Urlaub. Und deine? Aber die haben ihn doch diese Woche schon zwei Mal genommen, als wir diese Dinge erledigen mussten. Das wird schon etwas viel, die wollen auch ein bisschen Ruhe. Für einen Babysitter müsste man erst eine Eingewöhnung machen. Es geht also nicht. Schade, aber ist halt so.

Und das ging ein paar Monate so. Und kein Land in Sicht. Schließlich haben wir uns trotz des Klischees zur Einführung einer „Date Night“ entschieden – und die bisher recht konsequent genutzt. Wir haben uns gezwungen, das zu tun, was wir eh tun wollten. Mit beeindruckendem Ergebnis. Man lernt sich wieder kennen. Es gibt doch noch ein Leben „danach“. Schön!

Das Projektleben kann auch ganz schön viel fordern. Gerade gegen Ende von Umsetzungsprojekten kommt häufig die „Crunch Time“, wenn das ganze Team unter Strom steht und auf Teufel-komm-raus noch den Termin halten will. Agile Vorgehensweisen wollen dem entgegenwirken, indem sie häufigere, kleinere Releases einplanen und damit eine kontinuierliche Last erreichen wollen. In der Praxis habe ich aber auch erlebt, dass das dazu führt, dass es nicht mehr drei Wochen Crunch-Time gegen Ende gibt, sondern eben eine kontinuierliche Last bzw. viele Crunch-Times – zu jedem Sprint-Ende, zum Beispiel.

Was hier in einigen Fällen zu helfen schien, war das bewusste Hinsehen auf Commitments, also der vereinbarte Umfang der in der nächsten Iteration umzusetzenden Features. Die Frage sollte also nicht lauten „Wie viel schaffen wir in der nächsten Iteration?“ sondern „Wie viel schaffen wir in der nächsten Iteration mit einem nachhaltigen Lastniveau?“ – und hier sind Reflektionen und Retrospektiven ein bisschen wie Date-Nights.

 

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3 Kommentare

  1. Christoph Menke Christoph Menke sagt:

    Hey Thomas,

    auch für jemand kinderlosen ein toller Artikel und sehr unterhaltsam geschrieben 🙂 Danke dafür!

  2. Ernst Lieber sagt:

    Danke, der Artikel ist eine Perle!

    lg, Ernst

  3. Tja, es bestätigt sich immer wieder: Workarounds sind schlecht.